Mit der Ankunft in San Pedro de Atacama hat sich die gemeinsame Zeit mit dem Christoph leider zu Ende geneigt. Inzwischen bevorzuge ich es, zu zweit zu reisen. Ausserdem bleibt man eh nie lange alleine, da man so viele Leute kennenlernt, mit denen man sich zusammenschliessen kann. Da muss man schon eine Sozialphobie haben, um es zu schaffen, laengere Zeit alleine reisen zu koennen - zumindest in Suedamerika.
Die 2000 Seelen-Gemeinde San Pedro de Atacama ist eine der Touristenhochburgen in Chile. Dennoch hat es seinen urspruenglichen Charme - so scheint es mir zumindest – erhalten und auch groessere Hotels oder gar Betonkloetze sucht man hier vergeblich. In der „Einkaufspassage“ kann man neben Ponchos und Hippie-Grattler-Hosen sowohl Coca-Tee als auch Coca-Blaetter kaufen. Coca-Tee habe ich bereits probiert, allerdings keine Wirkung verspuert. Den Tee kann man mit einem gruenen oder schwarzen Tee vergleichen, er soll zudem aber auch gut gegen die Hoehenkrankheit sein. Wir befinden uns hier schliesslich auf 2500 Metern und nach einem Gipfelkreuz kann man auf dieser Hoehe lange suchen.
Heute ist schon mein vierter Arbeitstag, mein Dritter im Buero. Die ersten beiden Tage sind mir extrem schwer gefallen. Ich musste gleich am Sonntag -verschwitzt, stinkend und dreckig - ueber 12 Stunden arbeiten, obwohl meine Arbeit bei Atacama Connection eigentlich erst am Montag anfing, und konnte mich von meiner anstrengenden Reise in den Norden ueberhaupt nicht erholen, geschweige denn mich mit der Gegend vertraut machen, mich zu akklimatisieren. Die Arbeit im Buero an sich ist nicht schwierig und ich bin aufgrund meiner Sprachkenntnisse eine grosse Hilfe – meine beiden Kolleginnen im Buero sprechen nur Spanisch, viele Touristen jedoch nur Englisch oder Deutsch. Meine Arbeitskollegen, vor allem die Tour Guides, sind mir sehr sympathisch, mein Chef hingegen nicht. Er hat mir so gut wie gar nichts erklaert, mir nicht gesagt, wann ich arbeiten muss, wann ich heimgehen darf, wann ich essen kann, wann ich zu schlafen habe. Kurz, er hat sich um nichts gekuemmert, weshalb ich die erste Nacht in einem Hotel schlafen musste, weil er nicht im Stande war, mir ein Zimmer zu organisieren. Naja, es wird aber von Tag zu Tag besser, ich bin dabei mir einen Alltag zu schaffen, genau zu regeln, wann ich was zu tun habe, mir ein voruebergehendes Zuhause einzurichten. Drei Monate koennen eine lange Zeit sein, koennen aber auch von heute auf morgen verfliegen. Das haengt von verschiedenen Faktoren ab.
Wenigstens habe ich jetzt mein eigenes Zimmer. Einem reichen, verwoehnten Deutschen kann mein neues Zuhause wie ein Ghetto erscheinen. Ich wohne ganz am Ende von San Pedro in einer kleinen Bretterbude, dessen Grundstueck von Lehmziegeln, Wellblech und Stacheldraht umgeben ist. Ich habe kein Kissen, keinen Schrank, einen zweiten Wasserhahn sucht man in der Dusche vergeblich und abends drehen sie uns, meinem Mitbewohner Fransisco, seiner Freundin Mirta und mir, das Wasser ab. Das alles hat mich am Anfang doch ein wenig schockiert. Doch inzwischen bin ich von meinem neuen Zuhause ueberzeugt. Fransisco und Mirta sind ganz liebe Menschen, Fransisco wurde gestern 27 Jahre alt, wir haben ein bisschen Bier getrunken und uns sehr nett unterhalten, sie sind sehr hilfsbereit und seit gestern weiss ich, dass es selbst in Chile nicht normal ist, sieben Tage die Woche ueber 12 Stunden ohne Mittag- und Abendessen zu arbeiten, so wie es meine bolivianische Arbeitskollegin, la señora Irma, praktiziert. Dieses Gespraech war mir sehr wichtig, denn ich koennte nie drei Monate lang so arbeiten wie ich es die ersten zwei Tage getan habe. Zudem haben wir eine nette, kleine Katze, die zwar kein Ersatz fuer meine Miggi ist, aber immerhin besser als nichts. Es ist naemlich ein schoenen Gefuehl, zu wissen, dass „daheim“ jemand auf einen wartet. Mein Zimmer habe ich mir auch schon ein bisschen eingerichtet, Buecher aufgestellt, Klamotten verstaut, somit ist es nicht mehr ganz so kahl. Die drei Monate werden schon eine Herausforderung, aber sicherlich auch eine gute Erfahrung.
Gestern war ich auf meiner ersten Tour zum Salar de Atacama, dem groessten Salzsee Chiles, zu den Lagunas Miscanti und Miñiques, zum Valle de Jerez und zu den Doerfern Socaire und Toconao mit dabei. Es wird bestimmt sehr spannend, zukuenftig selbstaendig eine Gruppe zu fuehren und es ist auch mal recht interessant, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen, kein Tourist zu sein. Ich habe schon so manche „Paradiesvoegel“ bestaunen duerfen, zum einen typisch deutsche Touristen mit Guerteltasche, Socken und Sandalen, zum anderen Argentinier mit all zu viel Temperament.