Archiv für November 2007

San Pedro de Atacama 3

Es gibt wieder einiges zu erzaehlen aus der Wueste.

Am Montag war ich auf einem Asado, einem chilenischen Grillfest, als ploetzlich das Hotel neben uns in Flammen stand. Die Feuerwehr war aber gleich vor Ort und ich musste mich beim Loeschen behilflich machen.

Am Dienstag gab es ein vollkommenes Gipfelglueck. Drei Bayern, ein Franzose und ein Chilene erreichten zwar mit etwas Anstrengung, aber ohne groessere Probleme den knapp 6000 Meter hohen Gipfel des Cerro Sairecabur. Somit ging fuer mich ein Traum in Erfuellung und ich war dem Himmel so nahe wie nie zuvor. Auf- und Abstieg fielen mir ueberraschend leicht, nicht im Traum waere es mir in den Sinn gekommen, den Gipfel moeglicherweise nicht zu erreichen. Der Wille kann halt Berge versetzen und ist der allerwichtigste Muskel des Koerpers. Am Ende, als wir schon wieder beim Auto waren, hat mich dann die Hoehe doch noch in Form von Kopfschmerzen und Uebelkeit uebermannt. Das war aber erst der Anfang. Ich habe Blut geleckt und will noch mehr. Weitere Bergbesteigungen in Chile, Bolivien und Ecuador sind schon in Planung.

Und fuer alle, die es noch nicht wissen: am Mittwoch Vormittag hat die Erde im Norden Chiles gebebt. Im Epizentrum nicht allzuweit von San Pedro entfernt wurde ein Beben der Staerke 7,8 gemessen – andere Quelle berichten von einem Beben der Staerke 7,7 oder 7,9. Zum Glueck ist allerdings fast nichts passiert. Ich habe daraufhin eine Mail vom ZDF bekommen, denen inzwischen mein Tagebuch bekannt ist und die beabsichtigten, mich telefonisch fuer die gestrige Heute Sendung zu interviewen. Zu einem Telefonat kam es dann leider doch nicht, denn das haette den Rahmen gesprengt, da es sich gluecklicherweise doch nicht um eine vorausgeahnte Katastrophe handelte. Ich haette nie geglaubt, wie viel Einfluss man mit einem Blog haben kann und wie viele Leute im Endeffekt meine Gedanken verfolgen.

Folgendes schrieb spiegel.de ueber das Ereignis:

Schweres Erdbeben fordert Tote und Verletzte

Heftige Erdstöße haben die chilenische Küste nahe der Hafenstadt Antofagasta erschüttert. Das Beben einer Stärke von 7,7 hat bereits erste Opfer gefordert: Mindestens zwei Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 weitere wurden verletzt.

Santiago de Chile – Das Epizentrum lag den Angaben zufolge rund 170 Kilometer nördlich der Küstenstadt Antofagasta und mehr als 1000 Kilometer von der Hauptstadt Santiago de Chile entfernt. Ein Regierungssprecher sagte, einige Städte seien von der Stromversorgung abgeschnitten. Etliche Straßen seien beschädigt. Mindestens zwei Menschen kamen ums Leben, mehr als 150 weitere wurden verletzt, teilten die Behörden mit. Ein erstes Nachbeben erreichte die Stärke 5,7. Experten gehen davon aus, dass es weitere geben wird.

Augenzeugen berichten, das Beben sei noch in Hunderten Kilometern Entfernung zu spüren gewesen. „Es war furchtbar stark, sehr lang, und von unter der Erde kam ein gewaltiger Krach“, berichtete die Sprecherin eines Hotels in Calama, das rund hundert Kilometer entfernt vom Epizentrum des Bebens liegt. Der Strom sei ausgefallen, aber das Gebäude sei noch intakt. „Ich hatte große Angst, so ein starkes Beben habe ich noch nie erlebt“, sagte eine andere Betroffene.

Auf Fernsehbildern waren nach dem Einsturz eines Hotels in Antofagasta auch zerstörte Autos zu sehen. Eine Reporterin des Radiosenders Radio Cooperativa berichtete, auf dem Flughafen der Hafenstadt sei der Asphalt aufgebrochen.

Dutzende von Straßenarbeitern sind Medienberichten zufolge in einem Straßentunnel gefangen, der bei dem Erdbeben zusammenstürzte. Laut Reporten lokaler Fernsehsender sollen über 50 Menschen in den Tunnel-Trümmern eingeschlossen sein.

Zwei Frauen aus dem rund 40 Kilometer vom Epizentrum entfernten Tocopilla kamen beim Zusammenbruch ihrer Häuser ums Leben. In der Hafenstadt Antofagasta wurden mindestens 45 Menschen verletzt. In der nahegelegenen Stadt Maria Elena wurden den Behörden zufolge 20 Menschen verletzt. Die meisten der 1.800 Häuser im Ort seien beschädigt, hieß es.

Das Pacific Tsunami Warning Center hatte eine Tsunamiwarnung für Chile, Peru und Hawaii herausgegeben, diese später aber wieder zurückgezogen. In Hawaii hatten die Experten ohnehin nur mit einem geringen Anstieg des Meeresspiegels gerechnet.

In der Region befinden sich viele große Kupferminen. Aus Sorgen vor größeren Schäden an den Minen zog der Kupferpreis an den internationalen Rohstoffmärkten an.

ffr/amz/dpa/AP/Reuters

Eigentlich muesste ich bis Mitte Januar hier arbeiten, was ich jedoch stark bezweifle. Zu oft dient mir der Reisefuehrer als Bettlektuere, zu genau kenne ich bereits die Route, die es zu bestreiten gilt, zu gut weiss ich ueber die Busverbindungen ins argentinische Salta Bescheid. Der Drang in die Ferne nach neuen Abenteuern ist einfach zu gross und ich werde ihm wohl kaum noch recht viel laenger Widerstand leisten koennen. Anfang Dezember halte ich fuer realistisch. Meinen Geburtstag moechte ich allerdings noch in San Pedro verbringen.

Calama

Meinen ersten freien Tag verbringe ich gerade in Calama, die laut dem Gino, einem italienischen, schon in die Jahre gekommenen Tour Guide und somit Kollegen von mir, der schon die ganze Welt bereist hat – beispielsweise ist er mit dem Moped durch Afghanistan und Pakistan gefahren -, haesslichste Stadt der Welt. Wenn er das sagt, stimmt das auch. Deshalb verliere ich darueber auch gar keine Worte.

Ab und zu langweile ich mich in San Pedro, denn ich muss viel im Buero arbeiten – eigentlich verabscheue ich Bueroarbeit, deswegen frage ich mich, warum ich doch immer wieder im Buero sitze. Das wird sich in Zukunft aendern. Doch hin und wieder erlebe ich auch etwas. Ich habe schon so gut wie jede Tour mindestens einmal mitgemacht. Salar de Tara, Salar de Atacama, Laguna Miscanti, Laguna Miñiques, Valle de la Luna, Valle de la Muerte, Geyser del Tatio. Auf gut Deutsch: Vulkane, Lagunen, Salzseen, Geysire, endlose Weite soweit das Auge reicht, Flamingos, Lamas, Vicuñas, …

So wie es ausschaut, habe ich morgen die Moeglichkeit, meinen ersten 5000er zusammen mit zwei Burschen aus Traunstein zu besteigen, naemlich den Cerro Sairecabur (5970 m). Hoffentlich klappt es. Ich freue mich schon wie ein Schnitzel darauf. Dann waere ich meinem Kindheitstraum, den Mount Everest zu besteigen, nur noch knapp 2900 Meter entfernt. In Bolivien moechte ich dann die 6000 Meter knacken.

Von einem Erlebnis muss ich abschliessend noch berichten: Am vergangenen Donnerstag hatte ich zum ersten Mal seit meiner Abreise die Moeglichkeit, endlich wieder Gitarre zu spielen. Zwar fehlte die d-Saite, doch habe ich es mir nicht nehmen lassen, vor sieben angeheiterten Chilenen meinen „Mann von 20 Jahren“ und Hans Soellners „Marihuanabam“ zu spielen. Grossartig. Dieser Abend war wirklich eine interessante Erfahrung fuer mich – erleben zu koennen, wie junge Chilenen leben, feiern, denken, fuehlen, teilen, … Ein sich nach etwas Liebe sehnender Strassenkoeter ist uns durch ganz San Pedro bis ins Zimmer vom Emilio, dem Gastgeber der kleinen Privatparty, gefolgt. Und keinen hat es gestoert. Das waere bei uns undenkbar. Ich dachte mir, meine erste Bleibe waere heruntergekommen gewesen. Ich alter Kapitalist. So wie der Emilio und Co. lebt ist eigentlich schon krass. In einem relativ grossen Zimmer befindet sich eine dreckige, alte Matraze mit einer noch dreckigeren Decke zum Schlafen, man findet kein Kissen, keinerlei Dekoration, keinen PC, keine CDs, keine Buecher, keinen Schrank, keinen Tisch und fast keine Kleidung. Lediglich eine alte, kaputte Gitarre und ein altes Saxofon, ein paar schmutzige ueber den Boden verstraeute Kleidungsstuecke und das ein oder andere Wattestaebchen. Mit anderen Worten: man findet in dem Zimmer so gut wie keinen Besitz – materiell zumindest. Ein alter Autoreifen dient als Sitzgelegenheit, der Rest hat es sich auf dem kahlen Boden gemuetlich gemacht. Fuer mich ein bisschen gewoehnungsbeduerftig, aber echt stark, wie nett und ganz selbstverstaendlich sie mich aufgenommen haben – mich den Gringo. Ich haette es auch nie fuer moeglich gehalten, dass es einen Chilenen gibt, der ernsthaft Hoelderlin, geschweige denn Hesse, Goethe, Rimbaud, Baudelaire oder Dostojewskij liest. Mir scheint es, als waeren die meisten Chilenen kuenstlerisch begabt. Der eine spielt super Gitarre und singt dazu, der andere schreibt Gedichte, der naechste malt und zeichnet. Zudem singt der chilenische Durchschnittssaenger meiner Meinung nach besser als der deutsche Durchschnittssaenger.

Zum einen ist es unheimlich stark, dass ich mit diesen Leuten am Ende der Welt im Prinzip genau das gleiche machen kann wie mit meinen Freunden daheim, dass „sie“ genau so ticken wie „wir“, zum anderen fragt man sich aber auch, was man hier in dieser heruntergekommenen Bude am Arsch der Welt mit all diesen Leuten, die man nur bedingt versteht, sucht. Gibt es hier etwas, was es bei uns daheim nicht (mehr) gibt? Ich weiss es nicht. Vielleicht finde ich es heraus. Ich finde es positiv. So etwas nenne ich „Globalisierung Haut nah“.


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