Nachdem ich Weihnachten beziehungsweise Heiligabend endlich ueberstanden habe – ich war mit ein paar sehr netten Leuten aus meinem Hostel typisch argentinisch essen, Bier und Sekt trinken und Billiard spielen – habe ich mich heute auf den Weg nach Brasilien gemacht.
Hierzu eine kleine Anekdote aus dem Leben eines Vagabunden geschrieben in der 2. Person Singular, damit ihr euch besser in die Lage versetzen koennt: du wachst um neun Uhr auf, sieben Stunden Schlaf muessen reichen, tun sie aber nur bedingt, um zehn Uhr musst du aus deinem Hostel auschecken, schliesslich willst du heute noch nach Brasilien. Doch zuerst gehst du noch ordentlich fruehstuecken, es gibt Gummibroetchen mit Marmelade, zwei Minibananen und einen Apfel. Zudem trinkst du Schwarzentee mit viel Zucker und viel Milch, worueber du dich sehr freust, denn Milch bekommst du so gut wie nie auf deiner Reise. Du gehst noch schnell ins Internet und liest deine eMails, bevor du dich dazu ueberwindest, deinen Spinnt auszumisten – du bist nicht gerade der Ordentlichste – und deinen Rucksack systematisch zu packen – fuer dich inzwischen die reinste Routine. Du verabschiedest dich von den sehr netten Leuten, mit denen du Heiligabend verbracht hast, und gehst zum Busterminal. Der Bus nach Foz do Iguaçu faehrt in zehn Minuten, auf der Fahrt unterhaeltst du dich mit einem aelteren Argentinier, alles laeuft wie fast immer wie geplant, allerdings ist der grosse Rucksack in dem viel zu kleinen Bus ein echtes Hindernis. An der argentinischen Grenze holst du dir den Salida-Stempel, doch du wunderst dich, warum der Bus nicht am brasilianischen Grenzposten haelt, du brauchst ja schliesslich einen Entrada-Stempel. Fuenf Minuten spaeter sitzt du an dem Bushaeuschen, wo du auch sein solltest, um zu deinem neuen Hostel zu gelangen, allerdings realisierst du, dass du einen Stempel brauchst, wenn du laenger als einen Tag in Brasilien bleiben willst, sonst haeltst du dich illegal im Lande auf. Du weisst jetzt bereits, dass der Tag scheisse wird, dass alles schief laufen wird, was schief laufen kann. Der Taxifahrer will fuer die Fahrt zum Grenzposten umgerechnet 40 Pesos, nein danke, dafuer kannst du locker einen Tag leben, weshalb du mit all deinem Gepaeck zu Fuss zur Grenze laeufst. Das dauert eine halbe Stunde, die Sonne scheint, du schwitzt, du hast Durst, hast aber nichts zu trinken, du hast Hunger, hast aber nichts zu essen – wie immer halt – und die Autos schiessen an dir vorbei. Irgendwann hast du dann deinen Stempel, aus dem Bus, der gerade vor deiner Nase haelt, steigen die sehr netten Leute aus deinem Hostel aus, schliesslich hast du zu ihnen gesagt „see you in Brasil“, doch warum steigst du nicht in den Bus ein? Zu spaet, der Bus faehrt schon wieder weg. Egal, dann wartest du halt auf die anderen, du legst dich ins Gras und blaetterst in deinem Reisefuehrer, du hast ja genuegend Zeit und so schnell laesst du dich auch nicht aus der Ruhe bringen. Du bist ja schliesslich in Brasilien. Du wartest mit den anderen noch eine viertel Stunde, der Bus kommt, der Busfahrer will 3 Pesos, nein danke, die paar Meter laeufst du lieber, dafuer zahlst du kein Geld. Gesagt, getan. Du sitzt an einem anderen Bushaeuschen. Der Bus kommt und du steigst auch an der richtigen Stelle aus, der Anschlussbus wartet auch schon auf dich. Doch der Schweiss rinnt in Stroemen von deiner Stirn, der Rucksack wiegt halt doch etliche Kilo. Du hast bereits ein Schild von deinem Hostel gesehen, du kannst also nicht mehr weit weg sein. Da bist du ja schon, du steigst aus, gehst hinein, doch die haben keine Reservierung von dir. Kein Wunder, du bist ja auch im falschen Hostel. Dann wartest du halt noch einmal eine halbe Stunde auf den Bus, aus den Kopfhoerern deines MP3-Players ertoent Willy Michls „Isarflimmern“, mit Sehnsucht denkst du an deine Heimat, waehrend an dir ein alter VW-Bus aus São Paulo vorbeifaehrt. Irgendwann kommt dann auch wieder der Bus, du steigst ein, doch der faehrt wieder in die falsche Richtung. Du fraegst den Busfahrer auf spanisch, ob er denn nicht zum Hostel Natura faehrt. Doch die Urwaldlaute, die dieser von sich gibt, kannst du beim besten Willen nicht entschluesseln, weshalb du wieder aussteigst. Dann laeufst du halt, auf dem Schild steht 1500 m. Also halb so wild. Inzwischen werden die Wolken immer dunkler, es faengt an zu donnern, schliesslich nieselt es. Eine Minute spaeter verwandelt sich die Schotterpiste aufgrund des stroemenden Regens in eine regelrechte Rutschbahn und nur mit Muehe und Not schaffst du es, nicht hinzufallen. Von Kopf bis Fuss klatschnass erblickst du mitten im Nirgendwo ein Schild auf dem geschrieben steht: „Europa 10000 km“. Da wird dir klar, wo du gerade bist und wohl oder uebel musst du dich fragen, was zum Teufel du hier zu suchen hast. Irgendwann erreichst du dein Hostel, in dem lauter Negerbabies herumsitzen. Du denkst, du bist in Afrika. Szenenwechsel…
Du hast hervorragend gegessen, konntest auch deinen Durst baendigen, die Sonne scheint, du sitzt in Brasilien mitten in der Natur in einem wunderschoenen Garten mit Pool und zwei Seen, der Schweiss laeuft dir schon wieder von der Stirn, zu deiner Freude haengt an der Wand auch eine sehr gute, brasilianische Gitarre, auf der du eine deiner Leidenschaften ausueben kannst, vielleicht schreibst du spaeter ein Lied ueber das Leben eines Vagabunden. Die Leute verstehst du zwar immer noch nicht, aber du hast realisiert, dass in Brasilien eine unglaubliche Rassenvielfalt vorherrscht. Die Gedanken an deine Heimat von vorhin gehoeren bereits wieder der Vergangenheit an, du bist von der Richtigkeit deines Tuns ueberzeugt, du weisst, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist. Irgendwann hast du genug geschrieben und entscheidest dich dazu, in einen der beiden Seen zu huepfen.