Archiv der Kategorie 'Reisetagebuch'

Quito 4

Ich habe mich dazu entschieden, bereits heute meinen letzten Eintrag aus Suedamerika zu schreiben und somit einen Abschluss zu finden. Neun Monate Suedamerika gehen fuer mich zu Ende, ich habe meine Reifepruefung erfolgreich bestanden, die Schule, meine Schule des Lebens mit Bravour abgeschlossen. An dieser Stelle moechte ich mich recht herzlich bei meiner Familie fuer all eure Unterstuetzung, euer Verstaendnis fuer meine lange Abwesenheit und euer geduldiges Warten bedanken. Ihr seid die Besten!!! Aber auch meine treuen Freunde, die mir staendig das Gefuehl gegeben haben, dass daheim – neben meiner Familie -  noch jemand auf mich wartet und es wert ist, in mein altes Leben zurueckzukehren, haben einen riesen Applaus verdient. Haette ich dieses Gefuehl nicht, koennte ich es sicherlich noch eine Weile hier auf diesem wunderbaren Kontinent aushalten. Danke an euch alle!!!

Aber keine Angst, dies wird sicherlich nicht mein letzter Eintrag gewesen sein – lediglich aus Suedamerika -, denn Ein Bayer auf Reisen bleibt natuerlich erhalten und wird mir auch in Zukunft genuegend Platz fuer meine Berichterstattung aus vielen fernen Laendern bieten. Ausserdem koennte ich mir gut vorstellen, noch ein oder zwei Eintraege ueber meine „Wiedereingliederung“ in den Alltag zu schreiben und einen Vergleich zwischen Deutschland und den Laendern Suedamerikas zu ziehen.

Quito 3

Meinen Verlust habe ich schon fast wieder vergessen. Ich scheine wohl nicht viel von Materialismus zu halten. Es war zwar unnoetig und schade, in der letzten Sekunde noch bestohlen zu werden, doch so richtig aergern konnte ich mich nicht. Traurig war ich letzte Nacht, ja, aber das hat hauptsaechlich andere Gruende.

Heute bin ich frueh aufgewacht, habe mein Hostel wieder gewechselt und bin daraufhin zur Polizei gegangen. Zumindest habe ich jetzt einen Polizeibericht in der Tasche, bleibt abzuwarten, was meine Versicherung davon haelt. Danach ging es mit dem Bus nach Otavalo, wo ich etliche Dollar in Hippiescheiss umgewandelt habe. Auf der Rueckfahrt bin ich noch mit einem netten, jungen Ecuadorianer namens Saul ins Gespraech gekommen, der mit einer Deutschen verheiratet ist und in einem Monat fuer vier Jahre nach Belgien zum Studieren geht. Ich habe in obligatorisch auf die Wies’n eingeladen.

Morgen schaue ich mir die Altstadt Quitos an und lasse mir meine Flugdaten nochmal bestaetigen. Eventuell treffe ich am Abend den Christian, der mit uns am Chimborazo gescheitert ist, wieder.

Quito 2

Nach einem groesstenteils sehr netten, teilweise sogar unvergesslichen Tag bei der Familie Gaitán musste ich leider feststellen, dass meine Kamera und mein MP3-Player aus meinem Dormitory, in dem ich der Einzige war/bin, gestohlen wurden. Knapp neun Monate lang hat mir meine D40 treue Dienste erwiesen, mich durch dick und duenn begleitet und tolle Fotos geschossen, jetzt ist sie weg! Die Fotos habe ich Gott sei Dank fast alle, es fehlen nur die letzten zwei Tage. Ich haette mir das Ende meiner Reise und auch die Verabschiedung mit dem Stefan anders vorgestellt, aber was soll ich machen? Ich weiss nicht so recht, was ich fuehlen soll, meine Grundstimmung war davor eh schon von Traurigkeit gepraegt, jetzt bin ich einfach nur leer und weiss nichts mit mir anzufangen. Naja, das Leben geht weiter, ich werde darueber hinweg kommen.

Quito 1

Nun sind wir schon seit drei Tagen in Quito, der Hauptstadt Ecuadors und gleichzeitig meiner letzten Station.

Am Sonntag wollten wir eigentlich nur kurz einen Kaffee trinken gehen. Nach einer schlechten Kanne Chai-Tee in einem belebten Café mitten in Mariscal, dem Touri- und Weggehviertel Quitos, sind wir dann doch auf Bier umgestiegen. Ploetzlich gibt uns ein Kellner ein kleines „papelito“, Papierchen, auf dem irgendetwas geschrieben steht: „Los invitamos a una cerveza. Caro y Mary“
Spielt uns jemand einen Streich oder wollen uns Penner wirklich zwei Maedchen auf ein Bier einladen? Waehrend der Stefan auf die Toilette ging, konnte ich das Raetsel loesen. So landeten wir schliesslich bei dem 18-jaehrigen Topmodel Caro und deren 29-jaehrige Cousine Mary, eine Modedesignerin – beide Ecuadorianerinnen. Neben Gringa-Hunting gibt es in Ecuador natuerlich auch Gringo-Hunting. Da sieht man mal wieder, wie modebewusst wir gekleidet sind! Wir tranken Bier und haben uns praechtig unterhalten, spaeter sind wir noch zu ihnen nach Hause, wo es noch zwei von dieser Sorte gab – zwei Schwestern von der Caro, davon ein weiteres Topmodel -, und haben Pizza gegessen. Kaum zu glauben, mit vier huebschen Maedels in einem riesen Appartement in einem Land zu sitzen, wo es Menschen gibt, die in Lehmhuetten wohnen und kaum bekleidet durch den Urwald springen und mit einem Blasrohr auf die Jagd gehen! Jedenfalls war es ein sehr netter Abend und wir koennen stolz darauf sein, von solch besonderen Menschen, die trotz sehr gutem Aussehen Charakter haben und nicht auf Oberflaechlichkeiten achten, unter den ganzen Trotteln und Proleten in dem Café ausgewaehlt geworden zu sein.

Am Tag darauf sind wir mit einer Seilbahn auf einen Berg gefahren, von dem man einen guten Blick ueber die Stadt hatte, gefahren. Tourischmarrn!

Gestern waren wir dann am Aequator! Nach neun Monaten auf der Suedhalbkugel habe ich den Mittelpunkt der Erde zu Fuss ueberschritten. In einem sehr interessanten Museum liessen wir Eier auf einer Nagelspitze balancieren, konnten mit einem Blasrohr schiessen und haben gelernt, wie man Schrumpfkoepfe macht. Am Abend haben wir uns nochmal mit der Caro und der Mary getroffen. Diesmal war Caros Mutter dabei, die uns anscheinend so sympathisch fand, dass sie uns spontan fuer heute zum Mittagessen eingeladen hat.

Heute muss ich mich von meiner treuen Reisebegleitung verabschieden, da der Stefan am Abend Richtung Strand aufbricht. Wir hatten eine wahnsinns Zeit, viele Abenteuer erlebt und vor allem viele Nicht-Lonely-Planet-Erfahrungen gemacht! Wir werden uns sicherlich wieder sehen!

Morgen moechte ich nach Otavalo zu einem grossen Markt fahren und ein paar Hippiesachen einkaufen. Fuer uebermorgen steht die Altstadt Quitos auf dem Programm. Und in wenigen Tagen schaue ich mir den Flughafen an!

Mein momentanes Innenleben setzt sich aus folgenden Gefuehlen zusammen: Glueck, Stolz, Vorfreude, Traurigkeit, Ungewissheit, Angst.

Baños 2

Gestern war ein unglaublich ereignisreicher Tag: Anne, Stefan und ich haben uns Mountainbikes ausgeliehen und sind damit ins ueber 20 Kilometer entfernt liegende Río Verde gefahren. Vorbei an unzaehligen Wasserfaellen ging es hauptsaechlich bergab. Mit einer Seilbahn sind wir zu einem Wasserfall auf der anderen Seite des Tales gefahren, wo wir leckere Forelle, die wir vorher selbst aus einem Teich angeln mussten, fuer 2,50 Dollar gegessen haben. Frischer geht es nicht! In Río Verde haben wir schliesslich noch einen sehr schraegen, gebuertigen Franzosen namens Antonio kennengelernt, den es nach einer gescheiterten Ehe nach Ecuador verschlagen hat. Fuer mich die personifizierte Liebe – vielleicht war es sogar Jesus persoenlich! Zurueck nach Baños hat uns ein Truck mitsamt den Raedern gebracht.

Danach war es Zeit fuer etliche Cuba Libres – die Limetten dafuer haben wir am Nachmittag im Wald gepflueckt. Irgendwann bewegten wir uns Richtung Disco, waehrend Stefan und ich „Anton aus Tirol“ lauthals zum Besten gaben. Auf Deutsch singend haben wir so einen Ecuadorianer namens Damian auf der Strasse kennengelernt, in dessen Wohnung wir schliesslich gefreigeistert haben. Er sprach perfekt Deutsch, da er vier Jahre lang in Bonn lebte und dort in einer Metalband Gitarre spielte. Unter anderem haben sie schon Jack Slater, mit deren Lead-Gitarrist er befreundet ist, supportet. Kurz: Ein Ecuadorianer hat uns Rammsteinlieder in perfektem Deutsch auf seiner Gitarre vorgespielt. Kaum zu glauben!

Er und seine polnische Freundin(?) begleiteten uns zur besten Disco der Stadt, wo wir die Einheimischen beim Gringa-Hunting beobachten. Am Ende wurde mir der Discobesuch allerdings zuviel und ich fiel gegen 3.00 Uhr in mein Bett.

Heute haben wir nichts gemacht, lediglich gegammelt. Vielleicht geht es morgen nach Quito.

Baños 1

Zum ersten Mal auf meiner Reise ist mir etwas nicht so gelungen, wie ich es mir vorgestellt habe. Wir haben den Gipfel des Chimborazos leider nicht erreicht. Eine Geschichte fuer sich:

Mit dem Auto sind wir von Riobamba aus zur ersten Huette, die auf 4800 Meter liegt, gefahren. Nach dem Mittagessen ging es auf die 200 Meter hoeher gelegene Whymper-Huette. Gegen 16.00 Uhr wurde Abend gegessen, danach versucht, zu schlafen. Doch vergeblich! Die Aufregung, die Anspannung, die Vorfreude war zu gross! Wir standen voll unter Strom! Ploetzlich faengt Wind an, zu wueten! Jetzt konnte ich erst recht nicht mehr schlafen! Erste Zweifel ueber Gipfelerfolg! Gegen 10.30 Uhr meinte dann unser Guide Fausto, dass es bei diesem Wind unmoeglich sei, den Gipfel zu erreichen. Alle Hoffnungen wurden zerschlagen, 160 Dollar sprichwoertlich vom Winde verweht! Aber das gehoert zum Bergsteigen dazu. Das Universum kann man nicht beeinflussen! Zwar schade, aber wir haben uns nicht grossartig geaergert.

Von einer Sekunde auf die andere hoerte der Wind jedoch wieder auf! Wir konnten aufbrechen. Um 00.30 Uhr machten wir unsere ersten Schritte unter sternenklaren Himmel. Stefan und ich fuehlten uns gut, das leichte Ziehen im Kopf war vergessen. Wir wollten auf den Gipfel. Auch die Geschwindigkeit stimmte. Allerdings wartete unser Guide immer auf die beiden anderen Parteien, ein oesterreichisch/argentinisches Paerchen und ein Niedersachse – alle drei ohne Erfahrung und sehr langsam und unsicher unterwegs -, weshalb wir wertvolle Zeit verloren haben. Der Wind wurde wieder staerker. Beim Anlegen der Steigeisen verwandelte sich der Wind in einen kleinen Schneesturm. Irgendwann wurde der Wind wieder schwaecher, wir warteten weiter auf bessere Zeiten. Die Oesterreicherin und der Argentinier sind bereits wieder umgekehrt. Wir warteten umsonst, denn unser Guide hat sich geweigert, bei dem Wind durch einen Korridor aus Felsen, die damit drohten, auf uns herabzustuerzen, zu gehen. Der Guide hat das letzte Wort, allerdings ist es fraglich, ob die Gefahr wirklich so gross war, wie er es uns verklickert hat. Wir gingen geschlagen zur Huette zurueck, was keine 20 Minuten dauerte.

Nach ein bisschen Schlaf gehe ich aufs Klo, das sich ausserhalb der Huette befindet: Ein wunderschoener Morgen, blauer Himmel, Sonnenschein. Der Wind hat, kurz nachdem wir zur Huette zurueckgekehrt waren, endgueltig aufgehoert. Haetten wir nicht staendig auf die Anderen gewartet und waeren wir ein minimales Risiko eingegangen, haetten wir den Gipfel erreicht, da bin ich mir ganz sicher. Keine Frage, wir waren/sind enttaeuscht. Fuer unseren von Anfang an unmotivierten Guide – er hat nicht ein Wort mit uns gesprochen – gab es natuerlich kein Trinkgeld. Einen zweiten Edgar findet man so schnell nicht wieder.

Nun sind wir im schoenen, touristischen Baños, wo wir ein paar Tage verbringen werden, ehe wir nach Quito fahren. Uns beiden hat sich eine Berlinerin namens Anne angeschlossen, die in Leipzig Energietechnik studieren moechte.

Riobamba

Seit Samstag halten wir uns in Riobamba, ziemlich genau in der Mitte von Ecuador, auf. Bis nach Quito sind es nun nur noch laecherliche 300 Kilometer. Den Abend haben wir damit verbracht, saemtliche Kneipen und Discos von innen zu begutachten. Allerdings konnte ich leider nicht das Tanzbein schwingen, da mir mein Ruecken recht grosse Schmerzen bereitete – immerhin habe ich schon zwischen 20000 und 30000 Kilometer Busfahren auf dem Buckel. Mit unseren Fleecejacken beziehungsweise unseren T-Shirts, die wir schon seit zwei oder drei Wochen Tag und Nacht tragen und unseren Trekkinghosen, an deren letzten Waeschereibesuch ich mich ueberhaupt nicht mehr erinnern kann – von meinem Schuhwerk, das lediglich aus FlipFlops besteht, brauche ich gar nicht reden – wirken wir neben den bis auf das Aeusserste herausgeputzten Ecuadorianerinnen wie Penner. Doch wenigstens haben sie so immer einen Grund zum lachen, uns ist noch nicht vorgekommen, dass eine grantig geschaut haette. Gringos!!!

Gestern mussten wir dann schon um 5.30 Uhr aufstehen, da wir mit dem Zug die „weltberuehmte“ Nariz del Diablo, die Teufelsnase, bezwingen wollten. Wem es Spass macht, in einem Zug ausschliesslich mit Touristen – darunter auch vielen Rentnern – faul herumzusitzen, sich von der huegeligen Landschaft, die an einem vorbeirauscht, noch nicht satt gesehen hat und dafuer 7,80 Dollar zahlen will, dem wird diese Zugfahrt, die einem vom Lonely Planet als eines der Highlights Ecuadors vorgegaukelt wird, vielleicht gefallen. Fuer uns war es ein Flop! Einzig und allein die Moeglichkeit, auf dem Dach des fahrenden Zuges zu sitzen, war lustig. Dennoch war der Samtag kein Reinfall, denn folgendes Nicht-Lonely-Planet-Erlebnis hat den Tag gerettet: Eine ecuadorianische Englischstudentin hat uns auf einem Plaza angesprochen – eigentlich war es ihre Mutter, sie war wohl zu schuechtern dazu -, sie wolle einen von uns fuer eine Arbeit oder einen Vortrag interviewen. Ich war dann „wieder einmal“ der Glueckliche, der in das Diktiergeraet quatschen durfte! Nach dem Interview spielte sie fuer uns den Tour Guide und erzaehlte uns allerhand ueber die drei beliebtesten Plazas der Stadt. Von einem Plaza zum Anderen spielte fuer uns ihr Vater den Taxifahrer. Ein Baby war auch noch anwesend im „Taxi“ – wahrscheinlich die kleine Schwester von der Silvia, der Englischstudentin -, bei dem ich meine inzwischen hervorragenden Onkelqualitaeten unter Beweis stellen konnte. Vor allen drei Plazas mussten Stefan und ich mit ihr posieren, waehrend die Mutter den Ausloeseknopf der Digitalkamera drueckte. Silvias Englischkenntnisse liesen zwar noch sehr zu wuenschen uebrig, trozdem hat uns die Privatfuehrung bestens gefallen!

Heute haben wir die morgige Besteigung des 6310 Meter hohen Chimborazos organisiert. Wir sind voll motiviert, den Gipfel – fuer beide von uns waere das unser absoluter Hoehenrekord – zu erreichen! Mein letztes grosses Abenteuer!

Mir laeuft die Zeit zwar nicht davon, allerdings neigt sich meine Zeit sehr bald dem Ende zu. Grund genug, sich ein paar Gedanken ueber meine Rueckkehr zu machen. Fakt ist, dass ich mich riesig auf meine Heimkehr freue, auf mein geliebtes Bayern, auf meine Familie, auf meine Freunde und all die Leute, die einfach zur Heimat dazu gehoeren, auf meine Bands, auf meine Gitarren, auf exzessive Proben und Jam-Sessions, auf zukuenftige Gigs, auf meinen Sylvenstein, auf meinen Leger, auf meine Gumpen, auf ein Tegernseer Spezial und ein Holzkirchen Oberbraeu – oder mehrere -, auf einen Schweinsbraten, einen Kalbsrahmbraten, eine Leberkaessemmel und eine Dampfnudel, … Die Liste laesst sich sicherlich noch beliebig erweitern. Dennoch denke ich, dass ich auch einiges vermissen werde: Ich muss mich von Suedamerika, einem Kontinent in den ich mich vielleicht sogar ein bisschen verliebt habe und der fuer mich neun Monate lang eine Heimat war, verabschieden, vom Spanischen, einer Sprache, die mir inzwischen mindestens genauso vertraut ist wie das Englische, von dem unbeschwerten, freien und aufregenden Leben eines Reisenden, quasi ohne Probleme, ohne Verpflichtungen, heute hier, morgen da, von meinem Status als Gringo, von der gelassenen Mentalitaet der Leute, … Momentan freue ich mich noch auf die kommenden zwei Wochen und auf den Tag, an dem mein Flieger vom Boden abhebt, aber spaetestens beim Fliegen wird sich eine gewisse Traurigkeit mit der Freude vermischen – gemischte Gefuehle also.

Cuenca

Seit gestern sind wir in Cuenca, der drittgroessten Stadt Ecuadors. Die Stadt macht einen recht netten Eindruck auf mich. Gestern wollten wir wieder einmal ordentlich weggehen, allerdings haben wir nichts nach unserem Geschmack gefunden. Vielleicht lag es am Donnerstag? Somit werden wir heute nochmal einen Versuch starten. Ansonsten haben mich vorhin zwei ecuadorianische Schulmaedchen „interviewt“.

Morgen geht es weiter nach Riobamba, wo uns die Besteigung des Chimborazo - mit ueber 6300 Metern der hoechste Berg des Landes – erwartet. Danach machen wir nur noch in Baños einen kurzen Stopp, bevor wir in Quito, meiner letzten Station dieser unvergesslichen Reise, ankommen werden.

Vilcabamba

Von Peru habe ich mich schon vor ein paar Tagen verabschiedet. Ein tolles Land, allerdings bleibt mir der Teil noerdlich von Huaraz – namentlich Trujillo und Piura – schlecht in Erinnerung. Nie zuvor auf meiner Reise habe ich als Gringo so viel Aufsehen erregt. Das mag teilweise recht lustig sein, nach einer Zeit aber sehr, sehr nervig. Gringo!!!

Nach einem Busmarathon sind wir, Stefan und ich, im verschlaffenen Doerfchen Vilcabamba, das vor allem fuer seine hohe Anzahl an ueber Hundertjaehrigen bekannt ist, angekommen. Uns bleiben aber vielmehr eine hohe Anzahl an jungen Leuten in Erinnerung. Da man in Ecuador mit dem Dollar bezahlt, schrecken die Preise einen Reisenden, der gerade aus Peru kommt, doch ein wenig ab. Ein Bier gibt es nicht unter einem Dollar! Eher zwei! Wir haben uns fuer sechs Dollar in einem recht netten Hostal eingemietet: Pool, Jacuzzi, Billiard, Tischtennis, Akkustikgitarre, Internet, Haengematten, … Allerdings haben wir unseren vom „Why wash?“-Trek geschundenen Koerpern nicht viel Ruhe gegoennt. Am zweiten Tag haben wir naemlich den ueber 2000 Meter hohen, mit dichter Vegetation bewachsenen Mandango bestiegen. Der Aufstieg war unproblematisch, beim Abstieg mussten wir allerdings gegen riesige Spinnen, Stachelstraeucher und Weglosigkeit ankaempfen!

Huaraz 4

Es ist wieder viel geschehen, ich habe sehr viel erlebt und viel gesehen. Grund genug, ausfuehrlich darueber zu berichten. Sieben Tage Trekking in der Cordillera „Why Wash?“ – beruehmt durch Joe Simpsons Buch „Sturz ins Leere“ – standen auf dem Programm. Dieser Trek gilt als einer der besten Treks weltweit und soll laut manchen Trekkern selbst Nepal in den Schatten stellen. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Ueberfaellen auf Touristen, manche mussten mit dem Leben bezahlen. Klingt abenteuerlich gut! Fuer Peru untypisch: Wir schleppten all unser Hab und Gut selbst, nix von wegen Esel.

Tag 1 – Frueh ging unser Bus – fast schon zu frueh, denn da der Edgar bei mir im Hostal uebernachtete, wurde nichts mit Schlafen. Mit den zwei franzoesischen Freigeistern in meinem Dormitory wurde bis tief in die Nacht gefreigeistert. Haette uns der Stefan nicht aufgeweckt, haetten wir mit Sicherheit den Bus um fuenf Uhr verpasst. Etliche Stunden mussten wir busfahrend verbringen, um in diese entlegene Region zu kommen. Letztendlich wurde noch ein Pass bewaeltigt, am Abend gab es frische Forelle mit Puré und geschlafen wurde vor atemberaubender Bergkulisse.

Tag 2 – Der zu bewaeltigende Pass war relativ leicht. Ein Junge wollte uns mitten im Nirgendwo fuer umgerechnet 50 Cent das Stueck frisch gefangene Forelle verkaufen, doch seine Mutter verlangte zubereitet mit ein paar Kartoffeln knapp zwei Euro, was uns zu teuer war – dort ist Geld nichts wert, Essen dagegen schon. Ausserdem mussten wir einer Attacke von drei klaeffenden Dreckskoetern Stand halten. Geschlafen wurde vor noch atemberaubender Bergkulisse. Lediglich riesige Eislawinen, die von den 6000 Meter hohen Bergen in die Tiefe stuerzten, stoerten unseren wohlverdienten Schlaf.

Tag 3 – Der Blick von dem etwa 4800 Meter hohen Pass war ueberwaeltigend! Beim Abstieg Richtung Huayhuash – das namengebende Dorf, das lediglich aus zwei Huetten besteht – trafen wir einen kleinen Hirtenjungen: „Invitame a un chocolate.“ Er wollte etwas Suesses zum Naschen. Wir wollten Fotos. So schnell kommt man ins Geschaeft in Peru! Bis jetzt blieben wir von den gefuerchteten Banditen verschont.

Tag 4 – Anstrengend sollte es am vierten Tag werden, den zwei ueber 5000 Meter hohe Paesse mussten ueberwunden werden. Der Blick vom zweiten Pass auf die schnee- und eisbedeckten Bergriesen kann als eines der vielen Hoehepunkte dieses unvergesslichen Abenteuers bezeichnet werden. Geschlafen wurde ganz in der Naehe der Westwand des Siula Grandes, die dem britschen Bergsteiger Joe Simpson im Jahre 1985 fast zum Verhaengnis wurde. Beim Abstieg brach er sich ein Bein, sein Partner Simon Yates war schliesslich gezwungen, das Seil zu zerschneiden. Simpson fiel in eine Gletscherspalte. Der Beginn einer spektakulaeren Selbstrettungsaktion. Gegen Ende des Tages teilte uns der Edgar mit, dass er den Trek in Huayllapa beenden moechte, da er zu viel fuer zu wenig Geld arbeitet. Wir zahlten 100 Dollar pro Person fuer sieben Tage Trekking mit Verpflegung. Jetzt wollte er 50 Dollar mehr pro Person, um den Trek zu vollenden. Eigentlich ein Vertragsbruch, bloed nur, dass wir ihm vertraut haben und auf einen Vertrag verzichteten. Von jetzt an standen wir mit ihm auf Kriegsfuss, nur weil dieser Trottel seine noch verbleibenden Gehirnzellen versaeuft und verkifft und nicht kalkulieren kann und in den seltenen Momenten der geistigen Klarheit zu tiefst ungluecklich ist, da er merkt, dass sein Verdienst wieder nur fuer Marihuana, Alkohol und Nutten reicht.

Tag 5 – In aller Fruehe ging es die Gletschermoraenen hinauf zum Fusse des Yerupajá, um einen Blick auf die zuvor beschriebene Westwand des Siula Grandes werfen zu koennen. Beim Abstieg nach Huayllapa haben wir mit Hilfe meines Buches die Stelle gefunden, wo die beiden Briten vor 23 Jahren ihr Base Camp hatten. Zeit fuer Fotos! Spaeter haben wir noch die Mutter des Mulitreibers von Joe Simpson kennengelernt, von der wir leckeren Frischkaese kaufen konnten. In dem Buch sind ihre Tochter und ihre Nichte abgebildet. Sie hat das Foto gekuesst. Ein toller Moment! Zwischenzeitlich haben wir uns dazu entschieden, nachzugeben und dem Edgar 20 Dollar pro Person mehr zu geben, die wir vom Trinkgeld abzogen. Kurz nicht aufgepasst hat es mich auf einem leichten Wanderweg mit vollem Karacho mit der Fresse voraus nach allen Regeln der Kunst auf einen Stein gelassen – ohne dass ich mich mit den Haenden abstuezen haette koennen. Geschlafen wurde in Huayllapa auf dem Fussballplatz. Die einheimischen Kinder haben uns geholfen, unsere Zelte aufzubauen und wollten natuerlich wieder einmal „Caramelo“ von uns Gringos.

Tag 6 – Es ging steil bergauf! Zwischenzeitlich fing der Edgar fast schon zu sprinten an, ich bin mitgezogen, weshalb wir fix und fertig eine Pause brauchten. Diese nutzte der Edgar um sich erst einmal eine ganze Flasche Rum reinzupfeiffen. Ich diskutierte mit ihm ueber Politik, Krieg, Frauen, Liebe, pipapo und er wurde uns dank seinen radikalen Ansichten immer unsympathischer. Trotzdem verbrachten wir einen netten Abend bei traditionell lebenden Freunden von ihm in deren rustikalen Huette – ohne Strom, ohne Fliessendwasser und ohne Internet, dafuer mit 90%igem Zuckerrohrschnaps im heissen Tee, der mich verruecktes Zeugs traeumen liess: „Wir sind eine Malerfamilie, doch kuessen muss man dich so.“

Tag 7 - Kassiererlieder singend, sich ueber Goassnmass unterhaltend und auf bayrisch fluchend – wir hatten wohl zu wenig geschlafen - ging es zurueck in die Zivilisation. Die Banditen liesen uns am Leben. Trinkgeld gab es keines fuer den Edgar, dafuer haben wir ihn am Abend auf ein – jetzt haltet euch fest – Erdinger Weissbier aus einem Erdinger Weissbierglas eingeladen – fuer umgerechnet drei Euro. Danach trennten wir uns von ihm. Nach einem einstuendigen Besuch im Internetcafé mit vielen Neuigkeiten aus Nah und Fern ging es in eine Boazn aus der Guns N’ Roses in voller Lautstaerke ballerte – noch beim Wandern in der Frueh habe ich mir Guns N’ Roses zu hoeren gewuenscht und auf meinem Wanderstock auf einem Felsen vor 6000ern posierend saemtliche Slashsolos fehlerfrei gezockt. Natuerlich trafen wir dort wieder den Edgar und lernten noch zwei Freunde von ihm kennen. Pitcher wurden getrunken! Zuerst einer mit Pisco, dann einige mit Vodka. Danach gingen wir in einen Club. Nach einem Long Island Ice Tea nahmen die Dinge wie gewohnt ihren Lauf und den Peruanern wurde wieder einmal gezeigt, was es heisst, das Tanzbein zu schwingen – kaum zu glauben, wie gut man mit FlipFlops abspacken kann. Gross! Auf eine Dusche zwischen Trekking und Clubbing wurde selbstverstaendlich verzichtet. Why wash?

Die Zeit in Huaraz war der absolute Wahnsinn, doch irgendwann muss der Bayer auf Reisen weiterziehen. Heute Abend fahre ich mit dem Stefan ueber Nacht nach Trujillo und ein paar Tage spaeter moechte ich in Ecuador sein. Bleibt lediglich noch zu erwaehnen, dass ich vor einiger Zeit die peruanische Spezialitaet schlechthin probiert habe: Meerschweinchen.

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